ReNo-Auszubildende besuchen
JVA Schwalmstadt


Am 2. Juni haben wir im Rahmen unserer Berufsausbildung die Justizvollzugsanstalt in Schwalmstadt-Ziegenhain besucht. Um 09:30 Uhr war Treffpunkt am Paradeplatz. Wir alle waren schon ein bisschen aufgerecht; was wird uns wohl darin erwarten, ist es wie im Fernsehen? Fragen über Fragen. Nachdem alle angekommen waren, mussten wir in 4er-, 5er-Gruppen durch die Eingangsschleuse. Wir mussten unsere Personalausweise abgeben und wurden mittels eines Metalldetektors durchsucht. Unsere Taschen und Handys (an diese Tag lag die Betonung immer auf Handys) mussten wir in die eigens dafür vorgesehenen Schließfächer verstauen. Diese Prozedur hat schon eine Menge Zeit in Anspruch genommen. Diese Vorkehrungen sind in jedem Gefängnis  gleich, egal welche Sicherheitsstufe die Anstalt hat.

Zu unserer Sicherheit haben uns drei Justizbeamte während des ganzen Rundgangs durch die JVA begleitet.

Unsere erste Station war die Kirchenkapelle im alten Schloss. Auf dem Weg dahin brachen manche von uns schon in Panik aus.  „Oh mein Gott, sind das alles hier Mörder, ich habe so eine Angst ...“. In der Kapelle wartete schon der Anstaltsleiter, Herr Dr. Guido Neu, auf uns. Er erzählte von seinem Werdegang, wie er dahin gekommen ist und was seine Aufgaben und Verpflichtungen als Anstaltsleiter sind. Auf den näheren Inhalt kommen wir später zu sprechen.

Danach sind wir durch die B-Station gelaufen („normaler Haftbereich, Arbeiter“) und haben uns auch eine 3-Mann-Zelle angeschaut. Gleich rechts neben der Zellentür war die Toilette (abgegrenzt wie auf einer öffentlichen Toilette auch), daneben war ein Waschbecken (war da ein Spiegel?), drei Betten, 3 Fernsehgeräte und noch ein großer Tisch mitten im Raum. Da es an diesem Tag sehr heiß war, waren die Fenster mittels Handtücher verdeckt worden.

Die Häftlinge können ihre Zellen so gestalten wie sie wollen. Sie können Bilder, Poster, Fotos von Verwandten und Freunden aufhängen, jedoch ist es nicht gestattet, diese an den Außenwänden aufzuhängen. Bevor die Fernseher und teilweise auch HiFi-Geräte in die Zellen kommen, müssen sie vorher verplombt werden. Eine Sicherheitsvorkehrung, die verhindern soll, dass noch mehr reingeschmuggelt wird.

Neben der einheitlichen Kleidung ist auch die Bettwäsche einheitlich blau-weiß kariert. Einmal die Woche hat man die Gelegenheit, sich Putzsachen zu holen um sich sein „kleines Reich“ sauber zu halten. Die Bettwäsche kann, wenn nötig, täglich auf der Station getauscht werden und die Anziehsachen wöchentlich.

Ein Justizvollzugsbeamter, der mit uns die Führung gemacht hat, erzählte uns, dass früher um 22 Uhr der Strom abgestellt wurde und es somit dunkel war. Heute können die Häftlinge nachts noch Fernsehen schauen. Aber in Zeiten, wo überall gespart werden muss, wer weiß, was sich da auch noch ändern wird.

Danach sind wir runter in den Keller gegangen. Dort ist ein „besonders gesicherter Haftraum“, umgangssprachlich auch  „Gummizelle“ genannt. Da dieser Raum im Keller liegt ist es nicht besonders hell. Die Wände sind aus einem besonderen Material, man könnte auch mit dem Kopf gegen die Wand laufen, ohne das ernsthafte Folgeschäden auftreten würden. Dieser videoüberwachte Raum ist mit einer Matratze und einem  „französischem Klo“ ausgestattet. Nur der Chef persönlich kann den Häftling aus dieser Beruhigungszelle entlassen. Im Neubau der JVA (E-Bau) gibt es eine weitere Beruhigungszelle. Diese liegt zwar nicht im Keller, aber die Einrichtung ist die gleiche. Das Essen mit Plastikbesteck bekommt der Häftling durch einen Spalt in der Tür gereicht.

Unsere nächste Aufmerksamkeit galt den 3 verschiedenen Besucherräumen. Der eheliche Besucherraum (nur für nachweislich verheiratete Personen) war im Gegensatz zu den anderen Besucherräumen sehr familiär eingerichtet. Dann gab es noch einen Besucherraum mit einer Trennglasscheibe (falls der Häftling schon des öfteren wegen Schmuggels aufgefallen ist) und schließlich der letzte, wo nur eine optische Überwachung vorgenommen wird (in diesem Raum hingen auch Bilder an der Wand). Der Häftling darf bis zu 2 Stunden Besuch im Monat haben je nach Belegung der JVA. Jeder Häftling kann Besuch beantragen, der entsprechend genehmigt werden kann. Die so genannten Besucherscheine werden dem Besucher zugeschickt. Nach dem Besuch werden die Häftlinge bis auf Haut untersucht. Die Anziehsachen werden mittels eines Röntgengerätes und einer Handsonde durchleuchtet (wie am Flughafen). Es kommt jedoch immer wieder vor, dass Sachen, z. B. Drogen, Handys, Waffen etc. reingeschmuggelt werden. Man kann sich nur fragen wie? Selbst bei der letzten Razzia, die ein paar Wochen vor unserem Besuch statt gefunden hatte, wurden wieder Sachen gefunden, die dort eindeutig nichts zu suchen hatten.

Um nicht ganz den Kontakt zur Außenwelt zu verlieren, dürfen und können die Häftlinge (begrenzt) telefonieren und auch (unbegrenzt) Briefe schreiben. Pakete dürfen nur 3-mal im Jahr vom Häftling in Empfang genommen werden: Geburtstag, Weihnachten und Ostern. Was diese Pakete beinhalten dürfen, ist von Gefängnis zu Gefängnis unterschiedlich. Viele suchen in dieser Zeit auch Halt im Glauben. In der hauseigenen Kirche finden regelmäßig Gottesdienste statt (evangelisch und auch katholisch).

Da auch ein Topp-Terrorist der El Kaida in der JVA einsitzt, wurden besondere Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Über dem Sportplatz wurden Drahtseile gespannt, die verhindern sollen, dass ein Hubschrauber dort landen kann (nicht das noch so ein spektakulärer Ausbruch wie in 1993 mit einem Panzer stattfinden wird).

Wir hatten uns dann noch verschiedene Örtlichkeiten angeschaut, u. a. die Sporthalle, wo regelmäßig Heimturniere stattfinden (z. B. Tischtennis, Handball), den Fitnessraum (die Geräte sahen schon etwas älter aus, aber die gleichen wie im Fitnessstudio auch, was will man mehr?) und schließlich die verschiedenen Ausbildungsstätten (Koch, Tischler, Zimmermann ...).

Während unseres Rundgangs haben wir festgestellt, dass die Häftlinge doch keine 23 Stunden in ihren Zellen verbringen. Von Gefängnis zu Gefängnis gibt es verschiedene Möglichkeiten, was ein Häftling mit seiner „vielen Freizeit“ anstellen kann. Nicht dass das jetzt falsch verstanden wird, diese vielen Möglichkeiten, die angeboten werden, dienen der Resozialisierung. Ein Häftling in Ziegenhain kann einen Schulabschluss, z. B. Haupt- oder Realschule, nachholen, eine Ausbildung zum Koch machen oder einer anderen Tätigkeit nachgehen, sofern wie auch hier draußen, Arbeit vorhanden ist. Der Verdienst fällt jedoch wesentlich geringer aus als hier „draußen“ und ist auch unterschiedlich. Ein Häftling kann bis zu 10,00 € am Tag verdienen. Sein gesamtes Monatsgehalt bekommt der Häftling allerdings nicht ausgezahlt. 4/7 seines Einkommens werden als Überbrückungsgeld weggelegt, so dass gewährleistet wird, dass der Häftling bei seiner Entlassung nicht ohne Groschen dasteht. Die Höhe des Überbrückungsgeldes hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab, z. B. die Schwere der Tat, wie hoch die Strafe ist u. v. m. Den Rest (3/7) kann der Inhaftierte für seine eigenen Bedürfnisse bei dem wöchentlichen Einkauf verwenden, z. B. für Toilettenartikel, Essen, Trinken etc.

Der Tagesablauf der Inhaftierten unterscheidet sich nur dadurch, welche Tätigkeiten die Einzelnen ausüben. Die Inhaftierten, die morgens aufstehen und pünktlich um 06:40 Uhr zur Arbeit gehen, können sich zusätzlich abends ihr eigenes Essen in der dafür vorgesehenen Küche kochen.

Duschen können die Häftlinge nur zu vorgeschriebenen Zeiten, wie das allerdings abläuft, können wir nicht näher erläutern. Jeder Häftling hat Anspruch auf Urlaub, aber auch dieses Thema ist sehr umfangreich und wurde bei dem Besuch nur kurz angesprochen.

Wir waren sehr überrascht gewesen, wie groß die Anstalt doch ist. Von außen sieht man nur die Mauern, aber was sich dahinter verbirgt, kann man sich gar nicht vorstellen. Eine eigene kleine Welt, die zwar mitten in der Stadt ist, aber dennoch ein eigenes Innenleben hat.

Als wir mit unserem Rundgang fertig waren, mussten wir alle wieder durch die Schleuse durch und befanden uns wieder auf sicherem Terrain. Aber danach sind wir in das Kornhaus, welches ein paar hundert Meter weiter entfernt ist, gegangen und haben dort die Zweiganstalt besucht. Dort werden unter anderem auch Häftlinge im geschlossenen Vollzug untergebracht, jedoch nur über 55-Jährige. Die Türen sind dort den gesamten Tag über offen. Nur abends/nachts werden die Türen verschlossen. Die Mahlzeiten können zusammen in einem kameraüberwachten Gemeinschaftsrauch (auch Fernsehraum) zu sich genommen werden.

Bei den Freigängern kommt man sich vor, als ob man in einer Jugendherberge sei. Es ist alles viel gemütlicher und nicht so kalt und steril wie es bei dem geschlossenen Vollzug ist. Die Freigänger haben einen eigenen Ein- bzw. Ausgang. Sie gehen morgens außer Haus und kommen abends zurück "nach Hause", nur der Form halber sitzt ein Bediensteter und führt Buch.

Jedes Bundesland hat ein eigenes Strafvollzugsgesetz. Im wesentlichen sind die Gefängnisse gleich, jedoch sind die Unterbringungen und Möglichkeiten der Weiterbildungen sehr unterschiedlich.

Um 13:30 Uhr war unser Besuch in der JVA beendet und wir durften anschließend nach Hause bzw. an die Arbeit.

Fazit

Wir könnten uns nicht vorstellen, 23 Stunden am Tag eingesperrt zu sein. Von heute auf morgen das gesamte Leben umstellen, wenn man sich in U-Haft befinden würde und höchstens die nächsten 6 Monate ausharren muss (Anklageschrift), um zu wissen, wie lange man eingesperrt wird.

Nichts Tun und Machen können worauf man Lust hat, sondern sich mit den gegebenen Umständen zufrieden stellen muss, sofern man es mit sich vereinbaren kann. Natürlich kommt es immer wieder vor, dass ein Häftling sich mit der Situation nicht abfinden kann und sich erhängt (daher muss auch jeden Morgen geprüft werden, dass noch alle Häftlinge lebend in ihren Zellen sind).

Aber dennoch kann man sagen, dass es den Häftlingen hier in Deutschland noch sehr gut geht im Vergleich zu anderen Ländern, auch in Amerika wo die Gefängnisse teilweise privatisiert sind, und vor allem in Afrika und Asien, wo die Verwandtschaft dafür sorgen muss, dass es dem Inhaftierten  „gut“geht mittels Geldgaben und Essen.

Zahlen und Fakten

17 Anstalten gibt es in Hessen, Ziegenhain hat die höchste Sicherheitsstufe
300 Inhaftierte im geschlossenen Vollzug
60 Inhaftierte im offenen Vollzug
180 Bedienstete
45 Inhaftierte mit lebenslanger Haft
40 %  Ausländer
200 Häftlinge nehmen die Möglichkeiten wahr Aus- und Weiterbildung zu nutzen
18 Inhaftierte in Sicherheitsverwahrung

Klaudia Simon, Nicole Erhardt und Kristina Spies (Klasse 11 RA 01)



Die ReNo-Klassen vor der JVA Schwalmstadt
Foto: Siegfried Groß


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